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Die Klinische Hypnose nach Milton Erickson ist eine ressourcen-, ziel- und lösungsorientierte Therapiemethode. Hypnose wird dabei als eine besonders intensive Form der Kommunikation angesehen, in der auf größtenteils “non-direktivem” Weg (das heißt, es werden indirekte Botschaften z.B. durch Metaphern vermittelt) Lösungen und Ziele erarbeitet werden.Die/der HypnotherapeutIn unterstützt den Klienten dabei, in eine hypnotische Trance zu gelangen. Der Trancezustand wird für die Veränderungsarbeit genutzt und unbewusste Prozesse können dann stärker in den Vordergrund der Aufmerksamkeit rücken. Trance ist ein fokussierter Aufmerksamkeitszustand, der auch im Alltag auftritt.Nach Milton Erickson ist das Unbewusste eine Schatzkiste, das eine Quelle an Ressourcen und Kreativität in sich birgt. Die Hypnotherapie nach Milton Erickson orientiert sich zudem an den jedem Menschen innewohnenden Ressourcen (Summe der Erfahrungen, Fähigkeiten und Wissen), versucht, diese der betreffenden Person wieder zugänglich zu machen  und sie – einschließlich persönlicher, individueller Eigenschaften und Potentiale – zu nutzen. Nach neuesten Forschungsergebnissen eignet sich die Klinische Hypnose nach Milton Erickson zur Behandlung der meisten psychischen Störungsbilder.

Ericksonsche Therapieprinzipien

Viele dieser therapeutischen Strategien gehen über die Technik der traditionellen Hypnose weit hinaus und haben einen deutlichen Einfluß auf andere Therapieschulen ausgeübt. Zu dieser Entwicklung hat Erickson in seiner etwa 50-jährigen klinischen Forschertätigkeit wesentlich beigetragen (vgl. seine gesammelten Schriften, Erickson, 1980).

Eine bedeutsame Wendung, die Erickson in die Auffassung der Hypnose brachte, lag einerseits in der großen Flexibilität und Individualisierung der Durchführung. Zum anderen ist die Ericksonsche Hypnotherapie stark an Ressourcen orientiert. Sie sieht das Therapieziel nicht mehr darin den Patienten durch Suggestion zu einem möglicherweise nicht ichsyntonen Ziel zu bringen, sondern darin, daß der Klient seine eigenen Möglichkeiten für sich nutzbar machen kann. Das psychotherapeutische Vorgehen Ericksons respektiert nicht nur die Autonomie des Patienten in besonderer Weise, sondern betrachtet ihn und sein Problem ganzheitlich und integrativ. Dies bringt auch die implizite oder explizite Einbeziehung der Familienmitglieder mit sich (Erickson, 1980).

Die Prinzipien der Ericksonschen Hypnotherapie lassen sich etwa wie folgt zusammenfassen (Revenstorf, 1990):

1. Utilisation
Der Therapeut paßt die Therapie grundsätzlich den Möglichkeiten des Klienten an. Dazu werden die begrifflichen Kategorien, seine Werte, sein kognitiver, emotionaler und interaktioneller Stil soweit wie möglich genutzt. Dazu gehört u.a. die Abwechslung von Folgen und Führen (“Pacing” und “Leading”), die Inkorporation unvorhergesehener Reaktionen, die Umdeutung scheinbarer Hindernisse sowie Lösungen 2. Ordnung.

2. Minimale strategische Veränderung
Veränderungen werden an der Stelle eingeführt, wo der geringste Widerstand zu erwarten ist. Eine geringfügige Veränderung an strategisch richtiger Stelle kann ausreichen, um das ganze Gebäude der Problemerhaltung zu erschüttern und eine Neuorganisation auszulösen.

3. Destabilisierung
Um dem Klienten eine Veränderung zu erleichtern, kann es unter Umständen hilfreich sein, durch ein Moment der Verwirrung ein eingefahrenes Denkmuster zu labilisieren. Dadurch werden Umstrukturierung, kreative Problemlösungen und die Rezeption neuer Informationen erleichtert.

4. Beiläufigkeit
Die für die Veränderung wichtigen Suggestionen werden beiläufig geäußert (indirekt, metaphorisch, eingestreut, anekdotisch, usw.). Sie werden auch dann registriert, wenn sie nicht bewußt wahrgenommen werden und entgehen jedoch so eher der kritischen Analyse durch unter Umständen obsolete Denkgewohnheiten. Es wird angenommen, daß das Individuum unbewußt über die Nützlichkeit beiläufig aufgenommener Information entscheidet.

5. Bahnung/Vorprägung
Hinweise, Suggestionen und Vorstellungen (z.B. das Wort “Hase”) werden mit größerer Wahrscheinlichkeit (auch subliminal) rezipiert, wenn sie phonetisch (bei dem genannten Beispiel durch das Wort “Haare”) oder semantisch (durch das Wort “Kaninchen”) oder durch Bilder, Metaphern oder Kontexte gebahnt sind (priming oder seeding).

6. Unterbrechung gewohnter Muster
Denk- Wahrnehmungs- und motorische Gewohnheiten sollen an kritischen Stellen unterbrochen werden (z.B. der Griff zur Zigarettenschachtel).

7. Erschließung von Ressourcen
Aus Gründen einseitiger Bewertungen ausgegrenzte Lebenserfahrungen, die für die Bewältigung einer bestimmten Problemsituation nützlich wären, können durch Regression zugänglich gemacht werden (um mit der Problemsituation reassoziiert zu werden, s.o.).

8. Rekonstruktion
Traumatische oder defiziente Lebenserfahrungen können in Trance durch Rekonstruktion und Ergänzung fiktiver aber plausibler Elemente abgeschlossen, umgedeutet oder gelindert werden – so als würde in Trance der Unterschied zwischen Fiktion und Fakten in der Vergangenheit an Bedeutsamkeit verlieren.

9. Reorientierung in der Zeit
Anstatt ein affektiv belastendes Problem in der Gegenwart zu lösen, kann es hilfreich sein, das Individuum in seinem Denken, Vorstellen und Empfinden in die Vergangenheit (Regression) oder Zukunft (Progression) zu orientieren und in dieser Befindlichkeit eine andere Sichtweise gewinnen zu lassen.

10. Schutz des Unbewussten
In Trance gefundene Lösungen können irrational, schmerzlich oder in anderer Weise schwer hinzunehmen sein. Dann ist es günstig, die Problembearbeitung durch Amnesie oder Ablenkung zu schützen.

Manche dieser Grundsätze sind in anderen Therapieformen integriert worden – etwa in

  • der Familientherapie (Haley, 1977; Watzlawick, Weakland, & Fisch, 1975),
  • der strategischen Therapie (Weeks & L’Abate, 1982),
  • der Sexualtherapie (Araoz, 1982) oder in
  • der Kurzzeittherapie (Shazer, 1982).

Die wissenschaftlichen Grundlagen zur Hypnose und der therapeutischen Interventionen stammen aus unterschiedlichen theoretischen und empirischen Forschungsbereichen und werden hier zusammengefaßt dargestellt.

Autoren:
Dirk Revenstorf, Dr.rer.soc., Dipl.-Psych., unter Mitarbeit von
Dipl.-Psych. Uwe Prudlo, Psychologisches Institut der Universität Tübingen
Juni 1993