Die frühe physiologische Forschung zur Hypnose beschäftigte sich mit vegetativen Funktionen und kann dahingehend zusammengefaßt werden, daß derartige Veränderungen (z.B. kardiovaskuläre Veränderungen, trophotrope Umschaltung) unter Hypnose nicht notwendig auftreten aber eine erhöhte Bereitschaft dazu nachgewiesen ist (Heiman, 1953). Wie in der Entspannung, sind als Anzeichen einer trophotropen Umschaltung in hypnotischer Trance, Änderungen in folgenden Bereichen nachweisbar:

  • Stoffwechsel (Goldwyn, 1930),
  • Atmung (Fleky, 1914),
  • Blutdruck (Reid & Curtsinger, 1968).

Eine sehr deutliche Dilatation der Gefäße an der Hand zeigen Conn und Mott (1984) bei einer Morbus Raynaud Patientin. Das Durchblutungsvolumen steigt bei bloßer Entspannung noch nicht, sondern erst nach spezifischer Instruktion in Trance (“Öffnung der Gefäße”).

Als endokrine Korrelate hypnotischer Trance zeigt sich eine Abnahme im Plasmakatecholaminspiegel (Noradrenalin) und Plasmakortisolspiegel (Sachar, Fishman, & Mason, 1985), die auf eine mit Streß inkompatible Eigenschaft der Trance hinweisen. Bongartz konnte eine zunächst paradox erscheinende Verminderung der Leukozyten unter Hypnose nachweisen, die sich durch Anlagerung an die Gefäßwand erklärt, was wiederum als Vorstufe zu einer erhöhten Immunabwehr interpretiert wird (Bongartz, 1990). Diese Befunde zusammengenommen zeigen, daß auf mehreren physiologischen Ebenen Veränderungen unter Hypnose stattfinden, die zum Teil von erheblicher therapeutischer Relevanz sind.

Die hirnphysiologischen Untersuchungen begannen mit EEG-Studien von Berger (1931). Darauf folgten eine Vielzahl widersprüchliche Befunde zur alpha-Aktivität (Larbig & Miltner, 1990). Einerseits wurden Anstiege der alpha-Aktivität an verschiedenen Ableitungsorten verzeichnet (DeBenedettis & Sironi, 1985; London, Hart, & Leibowitz, 1968; Nowlis & Rhead, 1968; Ulett, Akpinar, & Itil, 1972). Andererseits konnten diese Befunde nicht bestätigt werden (Mézáros & Bányai, 1978). Eindeutig dagegen läßt sich das Hypnose-EEG vom Schlafzustand abgrenzen. Ein Anstieg der theta-Aktivität wurde sowohl unter Laborbedingungen (Chertok & Kramarz, 1959) wie unter naturalistischen Trancezuständen bei Feuerläufern, Hakenschwungzelebranten und einem Fakir nachgewiesen (Larbig, 1989). Hinsichtlich Ereignis-korrelierter Potentiale (EP) über dem somatosensorischen Kortex bei schmerzhafter Reizung ergaben sich Amplitudenreduktion bei 260 und 300 ms nach Stimulation (Larbig & Miltner, 1990; Revenstorf, 1991a), was auf eine verminderte Aufmerksamkeit schließen läßt.

Eine eindeutige Lateralisierung ist gelegentlich nachgewiesen worden, konnte aber von Walter (1992) nicht bestätigt werden. Die Autorin fand jedoch bei tieferen Stadien der Hypnose eine Erhöhung der theta-Anteile im EEG und bei Induktion von Katalepsien mehr beta-Aktivität. Eine Veränderung der CNV ergab sich in einer anderen Studie von Walter bei einigen hypnotisierten Probanden, denen suggeriert wurde, daß dieser Reiz nur selten auftreten würde, obwohl er gleichhäufig wie andere Reize vorkam (Walter, 1992).

Erst mit den neueren bildgebenden Verfahren sind differenzierte Aussagen über die veränderte Hirnaktivität möglich. Meyer et al. fanden nach 10-wöchigem autogenem Training mit der Xenon-Inhalations-Methode eine Durchblutungssteigerung der linken Hemisphäre (Meyer, Diehl, Ulrich, & Meinig, 1987). Halama dagegen fand an 17 Probanden mit dem SPECT-Verfahren eine vermehrte Aktivität der rechten Frontalregion (Halama, 1989; Halama, 1990). Walter (1992) stellte in einer Untersuchung an 41 Probanden mit derselben Methode fest, daß es besonders bei den hypnosefähigen Personen zu einer erhöhten Durchblutung der linken frontalen Region und zu einer Minderdurchblutung der okzipitalen und thalamischen Region kommt. Im allgemeinen wird von einer vermehrten Aktivität der rechten Hemisphäre in der hypnotischen Trance gesprochen. Wenn allerdings diese Lateralisierung im wesentlichen mit einer Inhibition linkshemisphärischer Areale einhergeht, ist auch eine Mehrdurchblutung denkbar, die durch die Inhibition bedingt ist.

Ferner ergaben hypnotisch induzierte akustische Halluzinationen eine Reduktion der Durchblutung temporaler Regionen. Bei akustisch halluzinierenden Psychotikern dagegen zeigten sich keine Veränderungen in diesem Bereich. Das deutet auf eine unterschiedliche Genese psychotischer und hypnotischer Halluzinationen hin. An weiteren 15 Probanden konnte mit Hilfe des PET-Verfahrens von Walter gezeigt werden, daß der Glucosestoffwechsel während einer hypnotisch induzierten Ganzkörperkatalepsie (“Planke”) im rechten somatomotorischen Kortex erhöht und im linken somatosensiblen Kortex erniedrigt ist.

Autoren:
Dirk Revenstorf, Dr.rer.soc., Dipl.-Psych., unter Mitarbeit von
Dipl.-Psych. Uwe Prudlo, Psychologisches Institut der Universität Tübingen
Juni 1993