Es gibt mehrere Aspekte einer theoretischen Fundierung der Hypnotherapie, die teils physiologischer, teils psychologischer Natur sind. Dazu gehören Annahmen über unterschiedliche Formen der Informationsverarbeitung (kognitive Modi, subliminale Wahrnehmung) und soziale Determinanten des Tranceverhaltens (Kontext und Rolle). Diese Aspekte sind von einzelnen Autoren unterschiedlich hervorgehoben worden.Phänomenologisch zeichnet sich der Trancezustand durch bestimmte beobachtbare (physiologische) und subjektive Eigenschaften aus.

Verlagerung der kognitiven Aktivität

Seit den Split-Brain-Untersuchungen an Patienten mit durchtrennter Verbindung zwischen den beiden Hemisphären (Corpus Callosum, (Gazzaniga, 1985; Sperry, 1968)) ist die Zahl der begrifflichen Dichotomien, die man den beiden Hirnhälften in ihrer unterschiedlichen Arbeitsweise zuschreibt, ständig gewachsen. Die folgende Zusammenstellung zeigt solche Differenzen, deren Zuordnung nicht vollständig belegt ist (Springer & Deutsch, 1986).

Daß in Trance die Hemisphärenaktivität verschoben ist, wurde verschiedentlich nachgewiesen (s.o.). Es besteht nun die Hypothese, daß dabei der dominante Denkstil verlassen wird und die räumliche, bildhafte, musikalische, ganzheitliche, intuitive Verarbeitung mehr zur Geltung kommt. Das ist eine Grundlage dafür, daß es in diesem Zustand gelingt, gewohnte Denkmuster zu überschreiten. Allerdings sind Trancephänomene nicht allein auf Unterschiede zwischen den Hemisphären zurückzuführen. Der Sachverhalt ist komplexer. Beispielsweise fanden DeBenedettis & Sironi (1985) bei einer Hirnoperation, daß der hypnotisierte Patient so lange in Trance blieb, bis durch versenkte Elektroden eine elektrische Stimulation am Hippocampus stattfand. In diesem Moment wachte er abrupt auf. Dem Hippocampus wird eine Schleusenfunktion zum Langzeitgedächtnis zugeschrieben (Winson, 1986). Daß unter Hypnose das Langzeitgedächtnis in besonderer Weise zugänglich wird, ist für die hypnotische Altersregression bedeutsam.

Subliminale Wahrnehmung

Neben der Split-Brain-Forschung gibt es umfangreiche Untersuchungen zur unterschwelligen Wahrnehmung die zeigen, daß Information aufgenommen, abgespeichert und später wieder abgerufen werden kann, auch wenn diese Prozesse der Aufmerksamkeit entgehen – also unbewußt bleiben. Dixon hat diese Forschung zusammengefaßt, und Feldman weist auf die Bedeutung dieser Ergebnisse für die indirekten Methoden hypnotischer Kommunikation hin.

Zunächst geht es um die Tatsache, daß sehr viel mehr Information aufgenommen als bewußt wird (Dixon, 1981; Feldmann, 1988). Das zeigen schon Alltagsbeobachtungen, wie das bekannte Cocktail-Party-Phänomen: Wenn man sich im Gedränge einer Party auf ein bestimmtes Gespräch konzentriert, so vernachlässigt man alle anderen Stimmen im Raum. Fällt jedoch unerwartet der eigene Name in einem entfernten Gespräch, so wechselt die Aufmerksamkeit sofort und man hört dort bewußt zu. Das heißt, es gibt einen Wechsel der Bewußtseinsinhalte, der unbewußt gesteuert wird. Dazu muß vorher ein Suchprozeß präattentiv ablaufen, der nur dann Information ins Licht der Aufmerksamkeit rückt, wenn sie dem Subjekt wichtig erscheint. Es sind auch immer wieder Träume berichtet worden, die Tagesinformationen enthalten, die der Träumer übersehen hat. So gibt etwa im Traum eine Balkonbrüstung nach, und tatsächlich ist das Geländer am eigenen Hause locker.

Silverman hat als erster dieses Phänomen therapeutisch genutzt, indem er seinen Patienten visuell unterschwellige Mitteilungen darbot, die ihre Symptomatik betrafen und die – im Gegensatz zu bewußt wahrgenommenen Mitteilungen – später in ihren Träumen wieder auftauchten. Dies trifft jedoch nur auf Inhalte zu, die auf die Symptomatik gemünzt, also subjektiv bedeutsam sind (Silverman, 1982).

In vielen systematischen Experimenten sind sowohl unterschwellige Wahrnehmung, unterschwellige Auslösung konditionierter Reaktionen und unterschwellige Beeinflussung willkürlicher Reaktionen überprüft worden.
Kaser konnte zeigen, daß akustisch subliminal dargebotene Suggestionen später in Zeichnungen wieder auftauchten (Kaser, 1986). Corteen und Wood fanden in dichotischen Höraufgaben, daß bewußt nicht wahrgenommene Auslöserworte (für zuvor konditionierte Schreckreaktionen) Ausschläge im PGR bewirkten. Dabei mußte der Proband in das eine Ohr eingespielte Texte nachsprechen (“shadowing”), während dem anderen Ohr die vorher konditionierten Reizworte eingegeben wurden (Corteen & Wood, 1972). Byrne projizierte das Wort “Beef” 4-6 ms, also nicht bewußt registrierbar, innerhalb eines neutralen Films. Die Probanden stuften sich nach der Darbietung als hungriger ein, als Personen einer Kontrollgruppe. Sie wählten bei einem anschließenden Buffet allerdings nicht bevorzugt Rindfleisch, sondern nahmen genauso gerne Hühnchen (Byrne, 1959).

Borgeat und Goulet fanden dagegen, daß akustisch unterschwellig dargebotene Suggestionen (“Sorgfältiger arbeiten”) eine direkte Auswirkung auf das Leistungsverhalten der Probanden hatten (Borgeat & Goulet, 1983). (Interessant sind in diesem Zusammenhang auch die Untersuchungen zur unterschwelligen Wahrnehmung während einer Vollnarkose im OP. Den Patienten wurde während der Operation über Kopfhörer unter anderem mitgeteilt, daß sie sich bei dem Gespräch danach am Ohr zupfen würden, was sie, verglichen mit der Kontrollgruppe, signifikant häufiger taten. Keiner der Patienten erinnerte sich an die Suggestion. Sie erkannten auch Musiktitel wieder, die während der Operation gespielt worden waren (Bennet, Davis, & Gianini, 1985). Ähnliche Ergebnisse waren vorher auch schon gefunden worden (Cheek, 1966; Levinson, 1965).)

Daraus resultiert ein Modell der Informationverarbeitung, in dem zwischen Informations-Aufnahme und Bewußtmachung unterschieden wird. Entscheidend daran ist, daß aufgenommene Informationen gespeichert werden können, ohne bewußt zu werden. Außerdem wird unbewußt selegiert, welche Inhalte ins Bewußtsein gelangen. Ferner wirken auf das unbewußte Langzeitgedächtnis sowohl physiologische Kontrollmechanismen (wie die Untersuchungen zu konditionierten Schreckreaktionen zeigen) als auch kognitive Kontrollmechanismen, die man auch als Schemata begreifen kann.

Nach Auffassung von Feldman werden indirekte Suggestionen im Sinne von Metaphern, eingestreuten Suggestionen und unterschwelligen Wahrnehmungen direkt im Langzeitspeicher abgelegt, ohne daß sie den Filter des Bewußtseins und des Kurzzeitgedächtnisses passieren, in dem sie durch bestimmte kognitive Kontrollmechanismen zensiert werden könnten. Dem würde Ericksons Primat der Beiläufigkeit relevanter Suggestionen Rechnung tragen (s.o.). Umgekehrt würden negative Halluzinationen dadurch entstehen, daß unbewußt auf den ikonischen oder echoischen Speicher in der gleichen Weise eingewirkt wird, wie bei der unbewußten Aufmerksamskeitsteuerung.

Für die Hypnose ist ferner relevant, daß neben den vielen Wegen, auf denen das Verhalten durch das Bewußtsein, das Kurzeitgedächtnis und das bewußtseinsfähige Langzeitgedächtnis beeinflußt wird, das Unbewußte direkt auf das Verhalten einwirken kann – sowohl im Sinne von automatisierten Handlungen (Gehen, Radfahren u.ä.) als auch Freudscher Fehlhandlungen, oder im Sinne von posthypnotischen Aufträgen. Während für das Bewußtsein eine einkanalige Informationsverarbeitung angenommen wird, sind sich viele Kognitionstheoretiker darüber einig, daß für die unbewußte Verarbeitung eine simultane, mehrkanalige Verarbeitung möglich ist (s.o.). Das bedeutet, daß bei Doppelinduktionen oder bei analoger (z. B. stimmlicher) Markierung digitaler (verbaler) Informationen unbewußt tatsächlich auch das aufgenommen wird, was der bewußten Aufmerksamkeit entgeht.

Trance als Sonderzustand

Trance als Sonderzustand kann mit Schlaf, Narkose, Koma oder anderen veränderten Bewußtseinszuständen verglichen werden (altered states of consciousness, ASC, Ludwig (1966)). Die veränderte psychische Funktionsweise drückt sich motorisch in der Wahrnehmung, in der Physiologie oder in der subjektiven Erfahrung aus. Tart definiert ASC als ein diskretes und stabiles Muster des Erlebens und Verhaltens (Tart, 1975). Diese Kriterien erfüllt Trance, indem sie subjektiv als unterschiedlich vom Wachbewußtsein erlebt wird und zu Prozessen führt, die sich deutlich vom Alltagsverhalten abheben (Analgesie, Katalepsie, Regression) und wiederholt herstellbar sind, zumindest bei derselben Person. Diese Auffassung wird von verschiedenen klinisch oder experimentell orientierten Autoren vertreten (Erickson, 1980; Fromm, 1984; Hilgard, 1986; Orne, 1977; Shor, 1979).

Ein Experiment von Bower belegt die These vom Sonderzustand. Intellektuelle Leistungen sinken unter Streß; so die Leistung in einem Wortschatztest bei gleichzeitigem Schmerz (durch Eiswassser). Bei Personen, die zur Trance befähigt sind (Hochsuggestible), wird die Leistungseinbuße durch hypnotische Analgesie reduziert. Bei Niedrigsuggestiblen nicht. Durch eine kognitve Schmerzbewältigung dagegen (Streßimmunisierung) tritt die umgekehrte Wirkung ein (Bower, 1981).

Interessant ist auch der mehrfach berichtete Befund, daß unter hypnotischer Analgesie die Herzfrequenz steigt, und zwar bei denen, die eine tiefe Trance eingehen (hochsuggestibel sind). Das heißt, schwachsuggestible Personen, die den Schmerz offenbar kognitiv bewältigen, benutzen einen anderen Mechanismus als hochsuggestible Personen, die den Schmerz hypnotisch bewältigen. Auch Ornes Vergleich von Personen, die den Trancezustand simulieren sollten (so, daß der Versuchsleiter ihre Simulation nicht erkennt) mit solchen, die tatsächlich in Trance waren (Hochsuggestiblen), zeigt bei den Halluzinationen ein unterschiedliches Verhalten (Orne, 1977). Die Simulanten gehen auf einen weghalluzinierten Stuhl zu und rennen gegen ihn, während die hypnotisierten Probanden einen Bogen um den Stuhl machen und dies später fadenscheinig begründen.

Soziale Determinanten der hypnotischen Trance

Der Trancezustand wird durch bestimmte Kontextvariablen begünstigt. Barber nimmt zwei Mediatorvariablen an, die durch hypnotische Induktion gefördert werden, nämlich positive Erwartungen an die Situation und Involviertheit in die suggerierten Vorstellungen. Der erste Faktor hängt von der Aufgabenmotivation der Person ab, der zweite von ihrer Absorptionsfähigkeit. Beide Faktoren sind durch die Qualität der Interaktion zwischen Therapeut und Klient mitbestimmt (Rapport) und werden durch eine Reihe von Kontextmerkmalen der Induktion realisiert (Barber & DeMoor, 1972):

  • Definition der Situation als Hypnose;
  • Monotone, nicht allttägliche Intonation;
  • Beseitigung von Befürchtungen;
  • Kooperation;
  • Entspannungsinstruktion;
  • Kopplung von Trancesuggestionen an spontane Veränderungen;
  • Schließen der Augenlider;
  • Zielgerichtete Imagination;
  • Verhinderung von Mißerfolg durch Umdeutung.

Barber und Spanos haben insbesondere die sozialpsychologischen Determinanten des hypnotischen Kontextes betont (Barber, 1984; Spanos, 1986). Sarbin weist auf das Rollenverhalten hin und beschreibt, daß Menschen sehr unterschiedliche Involviertheit in einer Rolle aufweisen können. Es werden sieben Stufen unterschieden (Sarbin & Coe, 1972; Sarbin & Slagle, 1980):

  • Stufe 0: Unbeteiligtheit;
  • Stufe 1: Beiläufige Rolleneinnahme (alltägliche, mühelose Routine, wie bei der Begrüßung eines Kollegen);
  • Stufe 2: Mechanische Ausführung eines Verhaltens (alltägliches Auftreten als Vorgesetzter);
  • Stufe 3: Engagierte Durchführung (wie bei einem guten Schauspieler);
  • Stufe 4: Tiefe Trance, in der Form des Sommnambulismus, in der die meisten Trancephänomene evozierbar sind (Analgesie, Katalepsie, Amnesie, Halluzinationen);
  • Stufe 5: Hysterisches Verhalten mit Erscheinungen des Ausagierens und körperlichen Konversionen (z. B. Lähmungen);
  • Stufe 6: Ekstatisches Verhalten, wo willkürliche Einflußnahme scheinbar ausgeschaltet ist, wie es sich in mystischen Zuständen und manchen religiösen Besessenheiten zeigt (z. B. Exorzismus);
  • Stufe 7: Zusammenbruch der normale Regulationsmechanismen, z. B. im Vodootod.

Eine Rolle ist der sozial determinierte Anteil unseres Verhaltens. Jedes Individuum nimmt in seinem Leben nebeneinander viele Rollen ein, etwa als Vorgesetzte, Ehefrau, Mutter, Geliebte und Freundin, die jeweils anderes, zum Teil durchaus widersprüchliches Verhalten beinhalten. Daß der Mensch hier zu einer extremen Variabilität fähig ist, muß nicht betont werden. Insbesondere wenn man an politische Umstände denkt, die das Verhalten sehr nachhaltig und tiefgründig verändern können (Krieg, Frieden, Diktatur, Demokratie u.ä). Hypnotisches Verhalten kann auf den Stufen 3 bis 5 der von Sarbin vorgezeichneten Skala angesiedelt werden, je nach Trancetiefe. Sarbins Vorschlag legt nahe, daß der hypnotische Sonderzustand (ASC) an einem Ende des Involviertheitskontinuums angesiedelt ist. Offenbar ist es so, daß die generelle Realitätsorientierung zum ASC-Pol hin mehr und mehr aufgegeben werden kann. Die Variable, die eine derartige Motivation, eine derartige Absorption in den Vorgang fördert, ist die Fokussierung (Einengung der Wahrnehmung), die ja eine Standardtechnik zur Tranceinduktion ist.

Neodissoziationstheorie

Mit Modellvorstellungen, wie die über den subliminalen und supraliminalen Informationsfluß (s.o.) kann Wahrnehmung und Reaktivierung von Gedächtnisinhalten unter Umgehung des Bewußtseins beschrieben werden. Es bleibt jedoch erklärungsbedürftig, wie es durch Hypnose gelingt, manche eingrenzenden Denk- und Verhaltensmuster zu überwinden, während dies in der rationalen Argumentation nicht so leicht möglich ist. Dieser Umstand macht es ja auch sinnvoll, Wert auf Amnesie für die bearbeiteten Inhalte zu legen und Erklärung oder Einsicht nicht für einen notwendigen Bestandteil wirksamer Psychotherapie zu halten (Zeig, 1985).

Hilgard hat mit der Neodissoziationstheorie dafür eine Erklärung gegeben (Hilgard, 1986). Er knüpft bei Janet an (Janet, 1904), der Dissoziationen als Abspaltung pathogener Inhalte – für einen abnormen Vorgang hielt (“desaggregation”). Hilgard dagegen hält die Dissoziation für ein normales kognitives Phänomen. Eine Form der Dissoziation ist die Amnesie, die etwas mit Verdrängung zu tun hat. Suggeriert man beispielsweise unter Hypnose, die Hälfte aller gelernten Worte einer Liste zu vergessen, so fallen hauptsächlich die emotional belasteten unter die Amnesie.

Die Tatsache, daß ein solches Dissoziationsphänomen, ähnlich wie die Abspaltung körperlicher Empfindungen (etwa Schmerz) unter Hypnose besser als im Wachbewußtsein gelingt – ebenso wie die Integration multipler Persönlichkeiten – wird mit einem bestimmten Kontrollmechanismus erklärt. Hilgard nimmt dazu eine Hierarchie kognitiver und somatischer Subsysteme an und postuliert eine Exekutivkontrolle. Sie regelt das Zusammenwirken der einzelnen Mechnismen und garantiert so Konsistenz, aber auch Übereinstimmung mit gewissen Kontextnormen und ermöglicht letztendlich so etwas wie eine Identität der Persönlichkeit. Unter Hypnose wird nach seiner Auffassung diese oberste Kontrollinstanz zurückgedrängt und die einzelnen Subsysteme können größere Autonomie entfalten.

Hilgard hat das getrennte Nebeneinander unterschiedlicher autonomer Instanzen durch seinen “heimlichen Beobachter” (hidden observer) bei Schmerzexperimenten nachzuweisen versucht. Durch ein verabredetes Zeichen (Hand auf die Schulter legen) wird während der Hypnose ein Schmerzbericht von einer suggerierten Instanz abgerufen, die die Empfindung in gewohnter Stärke wahrnimmt. Dadurch war es Hildgard möglich, neben dem verdeckten Bericht einer hypnotischen Analgesie die volle subjektive Schmerzstärke, etwa beim Eiswassertest, zu ermitteln.

Ungeachtet dessen, ob solche Experimente generalisierbar sind, scheint die Annahme einer hierarchischen Struktur von (in sich relativ autonomen Kontrollmechanismen) innerhalb des kognitiven Systems, aber auch des somatischen Systems, durchaus sinnvoll. Immerhin ist bekannt, daß sowohl das autonome Nervensystem als auch das endokrine System und das Immunsystem eine relative Autonomie aufweisen, obwohl sie koordiniert agieren und aufeinander einwirken. Auch im kognitiven Bereich ist das Phänomen bekannt, daß nebeneinander disparate Einstellungen und Werthaltungen existieren können, sozusagen Biedermann und Brandstifter, Lebensretter und Lebensvernichter; dass diese jedoch möglichst separat gehalten werden.
Einige solcher Steuerungsmechanismen sind auf kognitiver Ebene etwa die emotionale und die rationale Orientierung, das prozedurale, episodische und semantische Gedächtnis, das kreative Denken, die Werthaltungen und die Logik.

Nach Hilgards Auffassung gibt es eine Exekutivkontrolle, die ganz oben in der Hierarchie angesiedelt ist und unter Hypnose ihren Einfluß zurücknimmt. Unter dieser Bedingung sind dann offensichtlich prozedurale Programme wieder ansprechbar, die z.B. nach organischem Hirnschaden bewußt nicht zugänglich waren (Bewegungsprogramme), sind Details aus früher erlebten Episoden wieder zugänglich, sind kreative Lösungen möglich, sind autonome Reaktionen beeinflußbar (Pulsrate, Blutdruck) und solche des endokrinen Systems und des Immunsystems (Veränderung der Beweglichkeit der weißen Blutkörperchen usw., s.o.).

Daß die Schmerzbewältigung ein solch autonomer Regulationsmechanismus ist, steht außer Frage. Es läßt sich nachweisen, daß die hypnotische Analgesie weder mit Angstreduktion noch durch Entspannungsreaktionen, weder durch Placeboeffekte noch durch die Empfänglichkeit für Analgetika, noch durch kognitive Bewältigungsmechanismen erklärbar ist (Hilgard & Hilgard, 1983; Revenstorf, 1986).

Das Konzept der hierarchischen Regulationssysteme impliziert parallel zum Kontinuum der Involviertheit qualitative Veränderungen auf der physiologischen Ebene, die dadurch gekennzeichnet sind, daß die Exekutivkontrolle unterlaufen werden kann. In diesem Zustand sind einzelne Steuerungsmechanismen direkter ansprechbar.

Autoren:
Dirk Revenstorf, Dr.rer.soc., Dipl.-Psych., unter Mitarbeit von
Dipl.-Psych. Uwe Prudlo, Psychologisches Institut der Universität Tübingen
Juni 1993