Hypnotherapie ist aus der traditionellen Hypnose entstanden wie autogenes Training und katathymes Bilderleben. Sie besteht nicht nur in der Einleitung eines speziellen Bewußtseinszustandes. Vielmehr stellt sie die systematische Nutzung damit zusammenhängender mentaler und physiologischer Prozesse für therapeutische Veränderung dar. Folgende generelle Ziele werden dabei verfolgt:

  1. Veränderung physiologischer Prozesse (z.B. Vasodilatation);
  2. Transformation von Wahrnehmungen und Symptomen (z.B. Analgesie);
  3. Anregung einer szenischen Vorstellung (zur Bahnung von Verhalten);
  4. Dissoziation und Assoziation;
  5. Regression und Progression;
  6. Evokation innerer Suchprozesse (kreative Problemlösung).

Diese Ziele sind psychologischer und psychophysiologischer Art und beziehen sich u.a. auf Angststörungen, depressive Reaktionen, posttraumatische Reaktionen, Gewohnheitsprobleme, Schmerzen und eine Reihe von psychosomatischen und somatischen Störungen. Im einzelnen beinhalten die Ziele folgendes:

1. Veränderung physiologischer Reaktionen

Muskeltonus, Kreislauffunktionen (z.B. periphere Durchblutung) und Funktionen des Autonomen Nervensystems (trophotrope Umstellung), wie auch eventuell solche des Immunsystems und des endokrinen Sytems können durch Suggestion oder den Trancezustand selbst bzw. durch die aktivierte Vorstellung verändert werden. Diese Prozesse sind für Entspannung, eine Unterstützung der Wundheilung, Blutungskontrolle, Verminderung streßbedingter Immunsuppression (Herpes), Warzenremission und Kontrolle allergischer Reaktionen (Heuschnupfen) eingesetzt worden.

2. Transformation der Sensorik und des Zeitempfindens

Schmerzen können in ihrer Dauer und Qualität verändert wahrgenommen werden und einen Teil ihres negativen Affekts verlieren, wenn diese Dimensionen in Trance suggestiv beeinflußt werden (etwa “Handschuhanalgesie”).

3. Aktivierung der Vorstellung

Visuelle, akustische und somatosensorische Vorstellungen lösen unwillkürlich ideosensorische, ideoaffektive und ideomotorische Prozesse aus (Carpenter-Effekt), die denen externer Stimulation oder willkürlicher Innervation entsprechen. Etwa führt die Vorstellung einer kreisförmigen Bewegung zu entsprechenden Ausschlägen eines zwischen zwei Fingern gehaltenen Fadenpendels (Chevreulsches Pendel); die Vorstellung von Wärme in der Hand wie beim autogenen Training zur Temperaturerhöhung (Dilatation der Gefäße) in dieser Region. Ebenso erzeugt die Erinnerung an eine konflikthafte Auseinandersetzung die damit verbundenen Emotionen, meist gebunden an spezifische Sinnesqualitäten (erinnerter Klang einer Stimme, Gesichtsausdruck, visualisierte Szene, eine Körperhaltung oder Verspannung usw.). In der Therapiesituation können solche intern generierten Muster für die Bearbeitung (Bahnung, Reizüberflutung in sensu, Dissoziation von überwertigen Komponenten, Assoziation abgespaltener unterstützender Aspekte usw.) genutzt werden.

4. Dissoziation und Assoziation

Überwertige Details, die für die Verarbeitung von traumatischen Erfahrungen hinderlich sind, können in der nachträglichen Bearbeitung abgeschwächt werden (z.B. die Lautstärke einer Stimme, die Farbe und Helligkeit einer visuellen Erinnerung). Andererseits können fehlende Erfahrungsaspekte bei der Bearbeitung von belastenden Erlebnissen in Trance assoziiert werden. Sie können aus der eigenen Erfahrung des Klienten stammen (Ressourcen) oder suggeriert werden (z.B. Worte oder Gedanken einer dritten Person).

5. Regression und Progression

Um Erfahrungen aus der Vergangenheit aufzusuchen, die entweder zur Problembewältigung beitragen können (Ressourcen) oder Traumata darstellen, deren Bearbeitung unabgeschlossen ist, wird der Klient in die frührere Situation zurückversetzt. Andererseits kann es sinnvoll sein, daß sich der Klient in eine zukünftige Situation innerlich versetzt, entweder um eine bevorstehende Streßsituation durchzugehen oder einen Zustand zu antizipieren, in dem sein Problem gelöst ist.

6. Evokation innerer Suchprozesse

Statt Lösungen zu suggerieren, ist es in vielen Fällen einfacher, passender und effektiver auf die Kreativität des Individuums zurückzugreifen. Das damit verbundene divergente Suchen, das den gewohnten Wahrnehmungs-, Affekt- und Denkrahmen überschreitet, wird in Trance erleichtert.

Diese Ziele, die durch die hypnotisch eingeleitete Trance erleichtert werden, stellen die Basisprozesse dar, die zur therapeutischen Veränderung genutzt werden. Etwa wird ein Trauma u. U. in der Regression reaktiviert und dann durch Assoziation von Erfahrungsaspekten oder Dissoziation von überwertigen Erfahrungsaspekten einer Bewältigung näher gebracht. Oder ein akuter Schmerz wird durch Transformation von Empfindungsqualitäten in seiner affektiven Bedeutung gemindert. Da diese Veränderungen ebenso wie die Tranceerfahrung selbst individuell angepaßt und der betroffenen Person vielfach erst zugänglich gemacht werden müssen, sind eine Reihe therapeutischen Strategien entwickelt worden, die dies erleichtern.

Autoren:
Dirk Revenstorf, Dr.rer.soc., Dipl.-Psych., unter Mitarbeit von
Dipl.-Psych. Uwe Prudlo, Psychologisches Institut der Universität Tübingen
Juni 1993