Im Gegensatz zum anglo-amerikanischen Sprachraum ist die wissenschaftliche Literatur zur Hypnose und deren Anwendung in Europa, insbesondere in den deutschsprachigen Ländern, lange übersehen worden. Das hat historische Gründe, ist aber bedauerlich, da die Hypnose gerade in Europa eine lange Tradition als medizinisches und psychotherapeutisches Heilverfahren hat.

Erste Ära – Meditationspraktiken, Tempelschlaf und Riten

Als erste Ära der Hypnose dürfen die alten hinduistischen Meditationspraktiken der Fakire und Yogis gelten, die bis ins 2. vorchristliche Jahrtausend zurückverfolgt werden können. Das bis heute verbreitete Yoga hat in der Induktion und dem Zielzustand des ungetrübten Bewußtseins (Trance) starke Ähnlichkeit mit der Hypnose.

  • Aus dem antiken Ägypten gilt das Papyrus Eber (circa 1500 v.Chr.) als ältestes schriftliches Zeugnis für hypnotische Induktionstexte (Edmonston, 1986).
  • Der Tempelschlaf aus Ägypten (Isis- und Serapis-Kulte) und Griechenland (Asklepius-Kult) wurden als rituelle Induktion des Orakels benützt (etwa 500 v.Chr.), der neben der Heilung hellseherischen Zwecken diente (Weinreich, 1909).
  • Die keltischen Druiden im ersten vorchristlichen Jahrtausend, verwendeten reimende Gesänge, um Medien in einen Schlaf mit hellseherischen Träumen zu versetzen.
  • Mittels Handauflegen, das schon im alten Testament bei König David vorkommt, heilten Jesus und seine Jünger, häufig verbunden mit Augenfixation (Petrus, Paulus).
  • Ähnlich verfuhren im Mittelalter viele kirchliche Würdenträger und weltliche Fürsten, zum Teil in Massenzeremonien. Häufig spielen bei den Vorläufern der Hypnose bestimmte Körperhaltungen (liegend, knieend, Lotussitz u.a.) und zeremonielle Instruktionen eine Rolle.

Seit der Antike bis ins Mittelalter wurde die heilende Wirkung der hypnoseähnlichen Anwendungen im allgmeinen einer übermenschlichen Kraft zugeschrieben (z.B. bestimmten Göttern oder Halbgöttern) – meist vermittelt durch menschliche Medien. Aus dieser langen Tradition hypnotischer Praktiken wird klar, daß es schon immer Riten gegeben hat, die Menschen in die Lage versetzen, innerhalb physiologischer Grenzen, die im allgemeinen als solche nicht bewußt wahrgenommenen psychologischen Grenzen des Denkens und körperlicher Reaktionen zu überschreiten. Derartige psychologische Grenzen können durch Glaubenssätze oder durch soziale Normen und Kontextbedingungen bestimmt sein.

Zweite Ära – Streichungen und hypnotische Kuren

Erst mit dem Aufklärer Mesmer (1734-1815) wird die Hypnose endgültig des mystisch-religiösen Charakters entkleidet, indem Mesmer die exorzistischen Heilungen des Paters Gassner als natürlich erklärt. Damit setzt die zweite Ära der Hypnose ein, in der sie nicht mehr als spirituelle, sondern als natürliche Kraft gedeutet, aber außerhalb des Menschen lokalisiert wird.

Seit der Zeit des Paracelsus (1493-1541) sind Kuren körperlicher Leiden durch Handauflegen oder ähnliche Behandlungstechniken (Streichungen, Passes) schon als Magnetisierung gedeutet worden, die Mesmer später als animalisch statt mineralisch charakterisierte. Mesmers Versuch der wissenschaftlichen Akkreditierung der Hypnose durch die Akadamie der Wissenschaften in Paris (1784) misslang. Seine hypnotischen Kuren hatten das Aussehen hysterischer Krisen (Mesmer, 1781). Mesmer führte seine Behandlungen oft als Gruppensitzungen durch und kann somit als erster Gruppenpsychotherapeut angesehen werden.

Dritte Ära – Hypnos und Analgesie

Seit der Mitte des letzten Jahrhunderts wird in der dritten Hypnose-Ära die Annahme einer Kraft fallen gelassen, die außerhalb des Patienten zu suchen sei. Dennoch wurde die Hypnose – so benannt von Braid (1795-1860) – als abnormes Phänomen betrachtet. Braid geht von physiologischen Veränderungen aus, die er zunächst als Schlaf beschrieb (“Hypnos”, griechisch ?????, “Schlaf”), der durch die Monotonie der Fixation herbeigeführt wird (Braid, 1843).

Von englischen und schottischen Ärzten wird die Hypnose in dieser Zeit erfolgreich zur Analgesie bei chirurgischen Eingriffen eingesetzt. Esdaile (1808-1859) beschrieb über 300 schmerzfrei durchgeführte und gut verheilende Amputationen unter Hypnose (Esdaile, 1851).

Die analgetische Verwendung der Hypnose verschwand weitgehend mit der Einführung der Betäubungsmittel Äther, Chloroform und Lachgas um 1850. Von dem Neurologen Charcot und seinen Schülern (u.a. Janet und Freud) wurde sie Ende des Jahrhunderts als psychiatrisches Phänomen wieder aufgegriffen. Charcot etwa betrachtete den hypnotischen Zustand als künstlich herbeigeführte Neurose.

Vierte Ära – Hypnose als innerpsychisches Geschehen

In der vierten Ära seit Ende des letztes Jahunderts wurde die Hypnose von Liebeault (1823-1904) und Bernheim (1840-1919) in Nancy als normalpsychologisches Phänomen erkannt, das auf Suggestion beruht. Daran knüpft die heutige Auffassung der Hypnose an: Voraussetzung ist die Fähigkeit des Individuums, die Fremdsuggestionen in Autosuggestionen und lebhafte Vorstellung umzusetzen (Bernheim, 1888). Diese Interpretation der Hypnose als ein im wesentlichen “innerpsychisches Geschehen” steht im Gegensatz zur älteren Auffassung von einer heteronomen Einwirkung spiritueller (Antike), magnetischer (Mesmer) oder psychologischer Natur.

Die Tradition der beiden französischen Schulen (Charcot in Paris und Bernheim in Nancy) wurde im deutschspachigen Raum von zahlreichen bekannten Psychiatern und Neurologen weitergeführt.
In Zürich von Forel (1848-1930) und dessen Nachfolger Bleuler (1857-1939), von Benedikt (1835-1920) und seinen Nachfolgern Krafft-Ebing (1840-1903), Wagner-Jauregg (1957-1940) und später Hoff und Berner in Wien; in Jena von Heidenheim (1843-1897), dessen Schüler Pavlow (1849-1936) und Vogt (1870-1959) waren.
Vogt gründete später in Berlin ein eigenes Institut, und führte u.a. die Fraktionierungstechnik ein.
Freud (1856-1939) interessierte sich zunächst sowohl für die Auffassung von Charcot wie die von Bernheim, verwarf die Hypnose später jedoch, weil er sie nicht für zuverlässig genug hielt und hat so vermutlich zum Rückgang dieses Verfahrens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beigetragen.

Sie lebte als Heilverfahren in der reduzierten Form des autogenen Trainings (Schultz, 1932) als Selbsthypnose mit formelhaftem Inhalt, und als gestufte Aktivhypnose weiter (Kretschmer, 1946).

Fünfte Ära – Milton Erickson und die Klinische Hypnose

Seit den dreißiger Jahren entwickelte sich an den Universitäten eine experimentelle Hypnoseforschung, die sich mit der Standardisierung der Phänomene und der psychometrischen Erfasssung der Suggestibilität befaßt (Hilgard, 1965; Hull, 1933; Weitzenhoffer, 1957). In neuerer Zeit sind besonders die Notwendigkeit formeller Induktion und die spezifische Qualität des durch Hypnose herbeigeführten Zustandes durch Autoren wie Sarbin, Barber und Spanos experimentell untersucht worden (Barber, 1984; Sarbin, 1956; Spanos, 1986). Diese Autoren betonen den sozialpsychologischen Aspekt der Kooperation bei den hypnotischen Phänomenen. Autoren wie Hilgard oder Orne dagegen versuchen, die These vom hypnotischen Sonderzustand experimentell zu stützen (Hilgard, 1986; Orne, 1972).

Schon nach dem Ersten Weltkrieg setzte eine Entwicklung ein, Hypnose zur Behebung funktioneller Störungen, amnestischer Erscheinungen und posttraumatischer Neurosen zu verwenden. Seit etwa 1950 gewinnt die Hypnose zunehmend an klinischer Bedeutung, indem sie bei Verhaltensproblemen, Neurosen und psychosomatischen Erkrankungen und in der Medizin erfolgreich angewendet wird. Einen wesentlichen Anteil hieran hatte Milton Erickson (1901-1980), der eine große Vielfalt von hypnotischen und damit verknüpften allgemeinen psychotherapeutischen Vorgehensweisen in den unterschiedlichsten klinischen Bereichen einführte.

Erickson gründete die American Society of Clinical Hypnosis (ASCH) und das international führende Journal auf diesem Gebiet, das “American Journal of Clinical Hypnosis”. Die von ihm entwickelte Hypnotherapie ist von zahlreichen Autoren zusammenfassend dargestellt und konsolidiert worden (Bandler, 1975; Erickson & Rossi, 1979; Erickson, Rossi, & Rossi, 1976; Gilligan, 1987; Haley, 1978; Lankton, 1983; O’Hanlon, 1990; Rossi & Cheek, 1988; Yapko, 1984; Zeig & Lankton, 1985). Diese durch Erickson eingeleitete Erneuerung könnte man als fünfte Ära der Hypnotherapie bezeichnen.

Wie aus dem kurzen Abriß deutlich wird, sind die Bemühungen um eine wissenschaftliche Fundierung der Hypnose in Europa mindestens 200 Jahre alt. Die Grundlagenforschung wie auch der Ausbau als klinisches Heilverfahren ist in den letzten Jahrzehnten jedoch verstärkt in den anglo-amerikanischen Ländern vorangetrieben worden. Die Ergebnisse werden jetzt zunehmend in Europa rezipiert.

Autoren:
Dirk Revenstorf, Dr.rer.soc., Dipl.-Psych., unter Mitarbeit von
Dipl.-Psych. Uwe Prudlo, Psychologisches Institut der Universität Tübingen
Juni 1993