Jede Therapieform beinhaltet explizit oder implizit ein Menschenbild. Es spiegelt sich in der Umgangsform des Therapeuten mit seinem Klienten wieder und beeinflusst die Wahl seiner therapeutischen Techniken. Die Annahmen über den Menschen, die der Ericksonschen Hypnose zugrundeliegen, unterscheiden sich wesentlich von denen der traditionellen Hypnose. Sie entstammen den Erfahrungen, die Erickson im Laufe seines Lebens gesammelt hat – u.a. durch die Auseinandersetzung mit seinen eigenen zahlreichen Handicaps: Erickson war von Kind an farbenblind, tontaub und Legastheniker. Im Alter von 17 Jahren erkrankte er an Poliomyelitis, die er nur knapp überlebte (Peter, 1987). Um den Anforderungen des Alltags und der Schule gerecht zu werden, zeigte er einen besonderen Ehrgeiz und Einsatz und entwickelte ungewöhnliche Bewältigungsstrategien, sowie eine nicht alltägliche Sicht alltäglicher Erfahrungen (Zeig & Lankton, 1985).Die traditionelle Auffassung der Hypnose geht von der Suggestibilität des Menschen aus: einer allgemeinen Tendenz, Fremdsuggestionen in gleichlautende Autosuggestionen bzw. entsprechende Vorstellungen umzusetzen. Das heißt, sofern der Rapport hinreichend ist, übernimmt der Klient Anweisungen vom Therapeuten – unabhängig von eigenen Lebenserfahrungen.

Im Gegensatz zu dieser dem traditionellen Hypnoseverständnis innewohnenden Fremdbestimmtheit der Intervention geht Ericksons Therapieauffassung von einer autonomen Veränderung des Klienten aus. Das drückt sich in der Anpassung an die Möglichkeiten des Klienten aus (Utilisationsprinzip s.o.). Das heißt, das therapeutische Angebot orientiert sich an den Interessen, der Motivation, den Überzeugungen, dem Verhaltensrepertoir und dem sprachlichen Stil des Klienten. Auch das, was traditionell als Widerstand klassifiziert würde, wird von Erickson als grundsätzlich nützliche Eigenart akzeptiert, Beispiele dazu finden sich bei O’Hanlon (1990) . Im Sinne dieser Auffasssung wird häufig das Symptom nicht als etwas betrachtet, das zu eliminieren ist, sondern als Ausgangspunkt der Veränderung (bezüglich Dauer, Zeitpunkt, Frequenz, Kontext in dem es auftritt usw.).

Die Ericksonsche Hypnotherapie läßt sich durch folgende anthropologische Grundannahmen charakterisieren:

  1. Positives Menschenbild;
  2. Individualität des Klienten und seines Problems;
  3. Veränderungsoptimismus;
  4. Das Unbewußte als Ressource;
  5. Natürlichkeit der Tranceerfahrung.

Positives Menschenbild

Im Gegensatz zu den meisten anderen Psychotherapiemodellen, richtet Erickson seine Aufmerksamkeit in der Therapie nicht auf den Krankheitswert der Störungen, sondern auf die Fähigkeiten und Potentiale, sogar die, die in der Störung liegen. Symptome werden nach Möglichkeit nicht als Defekte betrachtet, sondern als Besonderheiten, die in ihrem Muster zu verändern sind. Auf diese Weise sind die verschiedenen Formen der Symptomverschreibung entstanden.

Widerstand wird in ähnlicher Weise behandelt – als Eigenart, die die Form der Intervention mitbestimmt. Erickson geht davon aus, daß jeder Mensch einen kaum zu erschöpfenden Erfahrungsschatz hat, mit dem er anstehende Probleme bewältigen kann. Eine Störung ist häufig durch Rigidität von Denk-, Emotions- und Verhaltensmustern bedingt. Diese gilt es in der Therapie zu durchbrechen. Hierzu wird Trance genutzt (Gilligan, 1991).

Individualität

Die meisten Therapieformen versuchen allgemeingültige Gesetzlichkeiten über den Menschen und sein Funktionieren aufzustellen, um daraus therapeutisches Handeln abzuleiten. Der Klient wird Kategorien zugeordnet, die allgemeine Aussagen über den von dieser Störung betroffenen Menschen erlauben sollen. Diese Typologien dienen der Reduktion von Komplexität und dem wissenschaftlichen Ziel, allgemeingültiges und übertragbares Wissen zu finden (Revenstorf, 1993b).

In der Ericksonschen Form der Hypnotherapie findet dieses Prinzip beim direkten Umgang mit dem Klienten strikte Grenzen. Erickson hat wiederholt betont, daß therapeutische Kommunikation sich weder auf theoretische Verallgemeinerungen noch auf statistische Wahrscheinlichkeiten stützen sollte, sondern auf konkrete Muster, die den gegenwärtigen Selbstausdruck des Klienten (z.B. Überzeugungen, offenes Verhalten, Motivationen oder Symptome) auszeichnen (Gilligan, 1991). Es wird demgemäß der Akzent nicht auf die Ähnlichkeiten zwischen den Menschen, sondern die Unterschiede und die Besonderheiten eines jeden gelegt (vgl. auch Rosen, 1982; Zeig & Lankton, 1985).

Hier wird deutlich, daß therapeutisches Handeln im Sinne von Erickson nicht aus wissenschaftlichen Prinzipien allein ableitbar ist, sondern darüber hinaus eine praxeologische Komponente enthält. Sie drückt sich in einem individualisierten therapeutischen Zugang zum jeweiligen Klienten aus (siehe Utilisationsprinzip).

Veränderungsoptimismus

Der Individualität entspricht für Erickson die Vielfältigkeit der Entwicklungsmöglichkeiten des Menschen. Er lenkt die Aufmerksamkeit auf frühere, vergangene Situationen und Entwicklungsstufen und deren Unterschiede zur heutigen Situation und leitet daraus die grundsätzliche Möglichkeit zur Veränderbarkeit von Lebensläufen ab (Rosen 1982, S. 463). Dabei favorisiert Erickson für den Klienten die Erfahrung gegenüber der Kontemplation. Diese Erfahrung initiert er durch praktisches Handeln und/oder in der Trance durchlebte Vorstellung. Außerdem wird der Veränderungsprozeß häufig nicht präkonzipiert, sondern unter Nutzung der individuellen Ressourcen nur angestoßen.

Erickson wollte Menschen nicht diktieren, wie sie zu leben haben: “Als wenn es jemanden gäbe, der irgend einem anderem wirklich vorschreiben könnte, wie er zu denken und zu fühlen hätte und wie in bestimmten Situationen zu reagieren hätte” (Erickson zit. nach O’Hanlon, 1990). Rosen zitiert Erickson wie folgt: “You should enjoy the process of waiting, the process of becoming what you are” (Rosen 1982, S.464). Das Ziel der Veränderung liegt darin der Person zu mehr Kongruenz zu verhelfen. Rosen zitiert Erickson weiter “You see, we don’t know what our goals are. We learn our goals only in the process of getting there” (Rosen 1982, S.464). Pasierbski und Singendonk haben in diesem Zusammenhang auf die Nähe zur taoistischen Philosophie hingewiesen (Pasierbski & Singendonk, 1992).

Unbenommen von dieser eher offenen Haltung, gibt es zahlreiche Beispiele direktiver Instruktionen bei Erickson, besonders dann, wenn er der Meinung war, daß der Klient entweder klare Orientierungshilfen bevorzugte oder dadurch am ehesten eigene Motivationquellen mobilisierte (paradoxe Intention). Grundsätzlich besteht die Veränderung darin, den Klienten aus seiner Rigidität zu befreien, so daß er wieder in der Lage ist, eigene Lösungen zu finden.

Das Unbewußte als Ressource

Zahlreiche unterschiedliche Prozesse werden dem Unbewußten in der Ericksonschen Hypnotherapie zugerechnet: spontane psychische Abläufe (wie Träume, Gedankenproduktion, Erinnerungen) und automatische Handlungen und unkontrollierbare Symptome (wie Zwangsgedanken und- handlungen), ideomotorische Vorgänge, physiologische Prozesse des autonomen bzw. vegetativen Nervensystems, die die Regulation vielfältiger Körperfunktionen betreffen. Dabei definieren sich unbewußte Vorgänge durch ihre Unbeeinflußbarkeit und Unwillkürlichkeit. Sie entstehen ohne bewußte Bemühungen.

Im Gegensatz zur Freudschen Theoriebildung und in größerer Nähe zu Jung sieht Erickson das Unbewußte als einen großen Speicher phylogenetischer und ontogenetischer Lernerfahrungen, die erheblichen Einfluß auf psychische und körperliche Vorgänge ausüben. Diese Erfahrungen sind prinzipiell wertneutral und für Veränderungen nützlich. Im Gegensatz dazu wird dem bewußten Denken mehr kontrollierende und nicht die für die Veränderung nötige kreative Qualität zugesprochen. Das rührt daher, daß das bewußte Denken vom Klienten und seinen alltäglichen Ratgebern in den meisten Fällen schon vielfach bemüht wurde, ohne zu einer erfolgreichen Veränderung zu kommen. Erickson war der Meinung, daß man Vertrauen in unbewußte Prozesse haben und sich vom Unbewußten führen lassen kann. Das Unbewußte war für ihn ein Helfer, den es in der Therapie zu nutzen galt. Symptome werden vom Unbewußten beeinflußt oder gar hergestellt. Sie erfüllen eine Anpassungsaufgabe oder stellen eine mögliche, wenn auch nicht die optimale Problemlösung dar. Hypnose wird als Weg betrachtet, um mit unbewußten Prozessen Kontakt aufzunehmen und diese zu beeinflussen.

Natürlichkeit der Tranceerfahrung

Für Erickson ist Trance ein natürlicher Zustand, der auch im Alltag auftritt (Gilligan 1991, S. 37; O’Hanlon 1990, S.21). Trancephänomene kommen nicht nur bei therapeutischen Tranceinduktionen vor. Eine Person kann gleichzeitig telefonieren und auf einem Schreibblock Bilder malen, Autofahren und innerlich eine Begebenheit rekapitulieren. Das heißt, dissoziiertes Verhalten tritt auch ohne Tranceinduktion auf. Weitere Beispiele für Trancephänomene im Alltag sind Tagträume, Absorbiertheit in eine Lektüre, einen Film, ein Gespräch. Auch hier liegen charakteristische Merkmale eines Trancezustandes vor: fokussierte Aufmerksamkeit, geringe Störbarkeit, Zeitverzerrung.

Ebenso finden wir ideomotorische Prozesse, nicht nur im fremdinduzierten Trancezustand, sondern auch als spontane Mitbewegungen in der Faszination durch einen Vorgang (z.B. beim Fußballzuschauen, beim Füttern eines Kindes, beim Mitfahren im Auto). Auch können wir uns in bestimmten Situationen an Dinge nicht mehr erinnern, von denen wir doch sicher sind, daß wir sie eigentlich wissen (Amnesie), oder erleben uns in besonderem Maße von Erinnerungen aus der Vergangenheit bedrängt (Hypermnesie). Oder man erlebt sich – durch eine bestimmte Situation ausgelöst (man entdeckt ein altes Schulbuch aus seiner Kindheit wieder) – für einen kurzen Moment so, wie damals (Altersregression). Erickson knüpfte an solche natürlichen Tranceerfahrungen an, um Menschen einen leichteren Zugang zur Trance zu ermöglichen.

Autoren:
Dirk Revenstorf, Dr.rer.soc., Dipl.-Psych., unter Mitarbeit von
Dipl.-Psych. Uwe Prudlo, Psychologisches Institut der Universität Tübingen
Juni 1993