Tiefenpsychologie

Mit den tiefenpsychologischen Schulen teilt die Hypnotherapie den Begriff des Unbewußten, der allerdings weniger dem von Freud konzipierten nicht realitätsfähigen Primärprozeß, als dem von Jung konzipierten wertneutralen Unbewußten entspricht. Es wird als biologisch funktionaler Mechanismus verstanden, der einerseits wie bei Jung zum Alltagserleben kompensatorische Funktion hat, zum anderen einen großen Teil körperlicher und seelischer Funktionen autonom steuert.

Im Gegensatz zur klassischen Psychoanalyse geht es in der Hypnose nicht nur darum, aufdeckend zu arbeiten. Da Erinnern und Vergessen, Assoziieren und Dissoziieren als mehr oder weniger symmetrische und gleichermaßen funktionale Mechanismen betrachtet werden, kann eine zudeckende, rekonstruierende Bearbeitung gleichermaßen berechtigt sein. Außerdem wird das Symptom als problematisches Muster im Vordergrund gesehen; daher sind Verschreibungen, Veränderungen und Beseitigung des Symptoms von legitimem Interesse für die Therapie.

Interessant ist, daß die therapeutische Beziehung in der Hypnose offensichtlich stark von der Übertragung profitiert. Der Hypnotherapeut agiert sowohl analog einer autoritativen Vaterfigur als auch analog einer fürsorglichen Mutterfigur. Es wird allerdings nicht die Notwendigkeit gesehen, in der Therapiebeziehung eine Übertragungsneurose zu kultivieren, um in ihr das Problem zu reflektieren. Der Rapport wird stattdessen dazu genutzt, Verhaltensänderungen beim Klienten zu motivieren. Infolgedessen wird Widerstand auch nicht als notwendiger Bestandteil der Therapie betrachtet, sondern eher als Ungeschicklichkeit des Therapeuten, dem es nicht hinreichend gelungen ist, die Möglichkeiten des Klienten zu utilisieren.

Verhaltenstherapie

Verhaltenstherapie versucht dem Klienten Neuorientierung durch Abbau von Exzessen und Aufbau von Fertigkeiten zu vermitteln sowie eine erhöhte Toleranz gegenüber Auslösern von als negativ bewerteten Emotionen. Dabei werden vielfältige Prozeduren der Verhaltensausformung und Verhaltensverkettung mit Hilfe von Expositionstechniken oder operanter und respondenter Lernmechanismen angewendet. Die Ericksonsche Therapie ist ebenfalls stark erfahrungsorientiert. Sie verwendet wie die Verhaltenstherapie neben Imagination (in Trance) die praktische Erfahrung, die in Form posthypnotischer Suggestionen (bestimmte Handlungen, Musterunterbrechungen usw. auszuführen) veranlaßt wird. Beide Therapieformen sind problemorientiert und zielen darauf ab, absehbare Ziele zu erreichen.

Anstelle der rationalen Umstrukturierung tritt die bildliche Umstrukturierung (Reframing). Anstelle des Arguments tritt die Metapher. Anstelle der Problemanalyse tritt die Suche nach einer Ressource. Anstelle des Planes zur Problemlösung tritt die Vorstellung usw. Insgesamt werden in der Hypnotherapie mehr die unwillkürlichen Denkprozesse und körperlichen Reaktionen genutzt und in der kognitiven Verhaltenstherapie die geplanten verbal-expliziten Prozessse. Es ist deutlich, daß sich hier das kognitiv-verhaltentherapeutische und das hypnotherapeutische Vorgehen ergänzen.

In der wissenschaftstheoretischen Position ist die Verhaltenstherapie historisch gesehen eher positivistisch ausgerichtet. Die kognitiven Therapien behalten zwar einen methodischen Operationalismus bei, enthalten aber in der Epistemologie wie die Hypnotherapie konstruktivistische Anteile (Gerl, 1990; Kruse, 1989; Kruse & Gheorghiu, 1992; Revenstorf, 1990).

Humanistische Therapieformen

Gesprächstherapie, Gestalttherapie, Transaktionsanalyse und verwandte Verfahren verstehen Therapie als einen Wachstumsprozeß, bei dem der Klient vor allem von einem emotional gesunden Klima der therapeutischen Beziehung profitiert. Anders als in der Psychoanalyse werden nicht die neurotischen Anteile der Übertragung und Gegenübertragung betont, sondern die, die Selbstentfaltung fördern. Auf diese Weise sollen verkümmerte und durch Ängste zurückgedrängte Seiten des Individuums zugänglich werden. Den damit verbundenen Optimismus bezüglich einer positiven menschlichen Grundstuktur und seiner Entwicklungsmöglickeiten teilt auch die Hypnotherapie. Die biografische Dimension, die z.B. in der Transaktionsanalyse betont wird (Skript), tritt bei der Hypnotherapie als Regression in Erscheinung. Allerdings steht ihr dort die Zeitprogression gleichberechtigt gegenüber.

Die Hypnotherapie baut nicht auf die Selbstheilung allein, sondern greift in den Veränderungsprozeß aktiv durch suggerierte Musterunterbrechung, strategische Minimalveränderung, Information und Umdeutung, sowie andere direktive Interventionen ein. Therapeutische Veränderung wird nicht unbedingt an die Evokation starker Affekte geknüpft, wie etwa in der Gestaltherapie, obwohl es nicht selten zu kathartischen Reaktionen kommt. Auch steht die therapeutische Beziehung nicht im Vordergrund, d.h. der Klient soll nicht in der Hauptsache an einer emotionalen Nachreifung genesen, die in der Überprüfung von Beziehungsmustern liegt. Vielmehr wird der Rapport zwischen Klient und Therapeut eingesetzt, um die Rezeption der therapeutischen Suggestion zu erleichtern.

Ein weiterer Unterschied zu den humanistischen, wie auch zu den anderen genannten Therapieformen besteht darin, daß die erreichten Veränderungen der Erlebnis- und Sichtweise nicht unbedingt ins Bewußtsein gehoben werden, sondern vorbewußt gelassen werden. Es wird in der Theorie der Hypnose davon ausgegangen, daß die Überprüfung veränderter Befindlichkeiten und Handlungsentwürfe an rational-logischen Gesichtspunkten nicht erheblich ist. Die unbewußte Informationsverarbeitung verfügt in dieser Hinsicht der Annahme nach über eine breitere Entscheidungsbasis. Daher sind vorübergehende Amnesie oder Ablenkung durchaus wünschenswerte Vorgänge innerhalb des Veränderungsprozesses.
Über einen längeren Zeitraum gesehen werden die therapeutischen Interventionen und deren subjektive Bedeutung allerdings im allgemeinen der Verbalisierung zugänglich, nur daß Zeit für Konsolidierungsprozesse eingeräumt wird.

Systemische Therapie

Die sytemischen Therapien (Familien-, Paar- und Gruppentherapien) befassen sich nicht mit den Charakteristika einzelner Individuen. Stattdessen stehen die impliziten oder expliziten Regeln zwischen ihnen im Mittelpunkt der Analyse und Intervention. Solche Regeln – Delegationen, Familienmythen, implizite Eheverträge, soziale “Spiele” im Sinne der Transaktionsanalyse u.ä.- steuern sowohl unauffälliges, produktives Verhalten, das mit dem Wohlbefinden einhergeht, als auch unproduktives und als abnorm auffallendes Verhalten, das mit Mißempfindungen und Einschränkungen des Verhaltens beim betroffenen Individuum einhergeht.; Veränderungen finden nach systemischer Auffassung dadurch statt, daß bestimmte dysfunktionale Regeln entkräftet, ersetzt oder modifiziert werden. Das geschieht u.a. durch Unterbrechung der relevanten Verhaltenssequenzen.

Dem Anschein nach ist eine familientherapeutische Sitzung mit vielen aktiv Beteiligten etwas grundsätzlich anderes als der suggestive Monolog eines Hypnotiseurs für einen weitgehend passiven, regungslos zuhörenden Klienten. Und doch hat die Familientherapie vermutlich am unmittelbarsten von der Ericksonschen Hypnotherapie profitiert. Ein Teil der Prinzipien Ericksons sind von der systemischen Therapie direkt übernommen worden. Dazu gehören Utilisation, strategisches Vorgehen, Musterunterbrechung und der Verzicht auf unbedingte Transparenz der Intervention. Dennoch ist ein grundsätzlicher Unterschied darin zu sehen, daß auf die Interaktion der Familienmitglieder innerhalb der Therapiestunde meist verzichtet wird.

Resumée

Der Vergleich der Hypnotherapie mit den anderen gängigen Therapieformen zeigt deutliche Überschneidungen:

  • Mit der Verhaltenstherapie die aktive Überprüfung der Erfahrung,
  • mit den humanistischen Therapien den besonderen Respekt vor der Autonomie des Individuums,
  • mit der tiefenpsychologischen Betrachtung die regressiv aufdeckende Vorgehensweise und
  • mit den systemischen Therapien insbesondere die strategischen Momente.

Unterschiede sind zu fast allen anderen Therapieformen darin zu sehen, daß Hypnotherapie selten als Gruppentherapie im Sinn der Nutzung der Mehrpersoneninteraktion durchgeführt wird. Außerdem zeichnet die Hypnose die Nutzung von veränderten Bewußtseinszuständen aus. In vieler Hinsicht stellt sie eine vorteilhafte Ergänzung zu anderen Formen der Therapie dar.

Autoren:
Dirk Revenstorf, Dr.rer.soc., Dipl.-Psych., unter Mitarbeit von
Dipl.-Psych. Uwe Prudlo, Psychologisches Institut der Universität Tübingen
Juni 1993